„Mit dem Verbrenner den Gletschern beim Schmelzen zusehen“ – Kritik von Scientists for Future an der „Staulösung“ der Großglockner-Hochalpenstraßen AG

Die Großglockner-Hochalpenstraßen-AG bietet gemeinsam mit den Tourismusverbänden von Kärnten und Salzburg während der Bauarbeiten an der A10 Tauernautobahn eine vergünstigte Maut an, wenn sie als Ausweichroute die Glocknerstraße wählen – das stößt auf Kritik der Scientists for Future.  „Aus Geschäftsinteresse ist die Einladung an die Urlaubenden, während der Bauarbeiten an der A10-Tauernautobahn ´staufrei über den Großglockner´ zu fahren, verständlich. Dies mit ökologischen Vorteilen zu begründen, ist aber schlichtweg verwegen“, so Hans Holzinger von den Scientists for Future (S4F) Salzburg in einer Presseaussendung. Die AG Mobilität der S4F Österreich hat errechnet, dass der Umweg, anders als dargestellt, beträchtlich sei: „Die Strecke von Bischofshofen bis Spittal an der Drau beträgt auf der A10 104 km, über die Glocknerstraße 188 km.“ Dabei sind 1500 Höhenmeter zu überwinden. Wer Auto fährt, weiß, dass der Energieverbrauch bei Steigungen um ein Mehrfaches höher ist als in der Ebene.

„Staufrei über den Glockner“ ist verwegen angesichts der Klimakrise

Als irreführend werden von S4F auch die Aussagen von GROHAG-Vorstand Johannes Hörl zur Ökologisierung des Betriebs kritisiert. „Bis zu 90 Prozent Einsparungen an CO2“ werden vermittelt. Diese beziehen sich aber lediglich auf den Tausch des Treibstoffs für die Schneefräsen, der nun aus Altöl gewonnen wird, was natürlich sinnvoll ist. CO2-intensiv sind jedoch die die Glocknerstraße hochfahrenden Autos – 2022 werden diese mit 181.000 PKWS angegeben. „Die 80 eingerichteten E-Ladestationen sind schön und gut, aber der Großteil der PKW-Flotte sind Benziner und Diesel. Der Anteil der E-Autos in Österreich beträgt aktuell 3,2 Prozent. Der Vorwurf des Greenwashing ist daher berechtigt“, so Holzinger.

„Offensichtlich ist es für eine öffentliche Infrastrukturgesellschaft heute immer noch möglich, aus kommerziellen Motiven klar natur- und klimaschädliche Aktivitäten zu entwickeln und scham- und verantwortungsbefreit flockige Messages zu verbreiten. So liegt denn auch der wahre Skandal an dieser reichlich unlustigen Posse nicht so sehr in der Verdrehung von Tatsachen zugunsten des Geschäftszwecks, sondern darin, dass die Tourismuswirtschaft das Auto nach wie vor als Vehikel der Gewinnmaximierung betrachtet – je höher die Frequenz – desto besser“, zeigt sich Johannes Fiedler von der Fachgruppe Mobilitätswende von S4F Österreich schockiert.

Dabei wäre es im Jahr nach einer präzedenzlosen Gletscherschmelze infolge jahrzehntelang ungebremsten CO2- Ausstoßes im Straßenverkehr eigentlich angebracht, über ein neues Betriebsmodell der Großglockner-Hochalpenstraße nachzudenken – ohne individuellen Kfz-Verkehr, mit E-Bussen und E-Rädern. Gerade der Blick auf die dahinschwindenden Überreste der ehemals mächtigen Pasterze würde das dringend nahelegen.

Die beschwichtigenden Einwände von GROHAG-Vorstand Johannes Hörl, dass die Altion in den am stärksten frequentierten Monaten Juli und August ohnedies ausgesetzt sei und dass bei einem ähnlichen Angebot 1979 nur 5 Prozent mehr Fahrzeuge auf der Glocknerstraße zu verzeichen gewesen waren, reichen S4F nicht. Erstens wird auch in den übrigen Monaten mehr CO2 ausgestoßen, zweitens hat sich der Verkehr auf der Tauernautobahn in den letzten Jahrzehnten massiv verstärkt, sodaß 5 Prozent mehr Verkehr heute bedeutend mehr sein werden als vor 40 Jahren. Die Fahrzeugmessungen werden zeigen, wie stark das Angebot der ermäßigten Maut über die Glocknerstraße von Touristen und Touristinnen angenommen werden.

Tourismus braucht neue, klimafitte Leitbilder

„Problematisch an der Aktion ist auch die Symbolik. Touristen und Touristinnen werden eingeladen, mit ihren Autos in hochalpines, sensibles Gebiet zu fahren, um den Gletschern beim Schmelzen zuzusehen,“ so Holzinger. Die Großglockner-Hochalpenstraße wurden in den 1930er Jahren errichtet. Man wollte reiche Touristen anlocken, die sich bereits ein Auto leisten konnten, so ist auf der Werbehomepage zu lesen. Zum Symbol für Fortschritt wurde das Projekt aber erst in den Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs nach dem 2. Weltkrieg, als sich immer mehr Menschen ein Auto leisten konnten. Das Auto war zum Inbegriff von Freiheit geworden, freie Fahrt für alle zum Leitbild von Wohlstand. Das galt natürlich auch für die Fahrt in den Urlaub.

„Die Zeiten haben sich aber geändert. Heute wissen wir um die Klimakrise und ihre Verursacher. Daher braucht auch der Tourismus neue Leitbilder“, so Holzinger weiter. „Die Einladung, mit der Bahn dem Stau zu entgehen, wäre der zeitgemäße und einzig klimaschonende Weg. Beispiele für autofreien Tourismus gibt es mittlerweile, etwa die Gemeinde Werfenweng in Salzburg, die seit vielen Jahren dafür wirbt. In diesem Sinne wäre auch für die Großglockner-Hochalpenstraße ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln – etwa mit E-Bussen und E-Bikes, um die hochalpinen Landschaften des Nationalparks Hohe Tauern mit gutem Gewissen genießen zu können.“

Salzburger Nachrichten: Stau-Ausweichroute über Großglockner-Hochalpenstraße sorgt für Empörung und Entsetzen | SN.at

„Staufreie Alternative zur A10“: Kritik an Großglockner Hochalpenstraße – salzburg24

ORF Salzburg: Glocknerstraße geräumt, viel Neuschnee. Hörl weist Kritik aus der Stau-Debatte zurück.

Der Standard: roßglockner-Hochalpenstraße erntet für Stau-Ausweichroute massive Kritik

MeinBezirk.at: GROHAG Idee empört Scientist for Future: „Staufrei über den Großglockner“ sorgt für Aufregung

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